Die 1. Woche in einer anderen Welt

Deutschland fühlt sich sehr weit weg an für mich. Sehr, sehr weit. Ich lese die Nachrichten und bin froh, weit weg zu sein. Hier in Grönland kann ich Menschen ohne Mundschutz und Abstandsregeln umarmen. Hier kann ich sie anlächeln, mit ihnen sprechen und mich ungezwungen und frei bewegen. Erst diese letzten Monate mit Corona haben mich gelehrt, wie unendlich wertvoll dieses Gefühl von Freiheit ist. Und wie tief der Verlust wirklich sein wird, den wir uns gerade selbst durch diese unglaubliche Angst erschaffen.

 

Ja, hier fühle ich mich frei. Auch wenn ich im Osten Grönlands in eine Gesellschaft komme, die sich eigentlich extrem abgezirkelt und in genaue Gruppen eingeteilt hat. In so einem kleinen Ort, wie Tasiilaq, mit ca. 2100 Menschen ist das so widersinnig, wie man es sich nicht einmal ausdenken kann. Ich kann verstehen, warum es so ist. Ich kann auch verstehen, wie es entstanden ist. Ich kann fühlen, was für Wunden darunter schwären. Doch gerade weil wir hier praktisch ganz allein inmitten grandioser Natur und Wildnis sind, erscheint es vollkommen verrückt.

 

Hier prallen die Gegensätze aufeinander. Ungeschminkt. Ohne jede Abfederung. Auf der einen Seite ist da eine herrlich ungezähmte Natur, in der alles seinen Platz hat, alles zusammenarbeitet und alles verbunden ist. Und mittendrin ist Tasiilaq mit Menschen, die von sich selbst, von dieser Natur um sie herum und voneinander getrennt sind. Jeder hat seinen Kreis von Menschen. Aber Verbindungen untereinander sind nur sehr bedingt vorhanden. Da ist der Kreis der Dänen, die unter sich bleiben. Da ist der Kreis der Inuit, die nichts mit den Dänen zu tun haben wollen, wenn es nicht unbedingt nötig ist. Da sind die Kreise der Inuit, hier einer, dort einer, die auch nicht wirklich miteinander verwoben zu sein scheinen. Es fühlt sich für mich nach dieser einen Woche fühlen, schauen und beobachten, wie ein Flickenteppich voller Tretminen an. Hier herrschen unausgesprochene Regeln und es existieren Grenzlinien, die unsichtbar in den Herzen gezogen worden und mit Stacheldraht abgesichert sind. An der Oberfläche ist da Herzlichkeit und Offenheit. Aber wie herzlich und offen ist es wirklich, wenn ich tiefer schaue?

 

Im Augenblick bin ich Beobachterin. Ich bin einfach nur da. Ich lausche, ich begegne Menschen, ich beginne mich zu verständigen, die Sprachen zu lernen (Ost-Grönländisch, Dänisch und auch West-Grönländisch) und die vielen Puzzlestücke zu sammeln, die mir vor die Füße fallen.

 

Es ist wie ein Brennglas hier, in dem ich alle die Probleme und Themen der Menschheit wiederfinde, nur sehr viel fokussierter und kondensierter. Denn hier gibt es nichts, was die Eindrücke verwässert, abfedert oder übertüncht. Hier ist alles sehr klar und deutlich sichtbar.

 

Der Müll überall zum Beispiel. Ob es nun der ist, den die Amerikaner auf ihrer Airbase zurückgelassen haben oder der, der hier die Nähe des Ortes nur zu deutlich aufzeigt. Es gibt kein Bewusstsein dafür, darauf zu achten, wo man etwas hinwirft. Natürlich könnte man jetzt schnell mit dem Finger auf die Inuit zeigen, die so sorglos Bierdosen, Plastik, Kinderwägen und alles, was sonst nicht niet und nagelfest ist, in dieser Natur verteilen. Doch, wenn ich mir die Überreste dieser amerikanischen Airbase so anschaue, haben sie eigentlich nur prima von uns gelernt. Es ist wie ein Spiegel unseres eigenen Handelns überall auf der Welt. Wir verstecken es nur. Wir kaschieren es besser. Das ist dann auch schon der einzige Unterschied.

 

Dann wäre da der Alkohol. Die Exzesse, die jeder Zahltag (das ist die Auszahlung von Sozialleistungen, von denen die Meisten hier abhängig sind) mit sich bringt. Betrunkene in Massen. Bierfahnen und schräge Anbiederungen. Auch den Alkohol haben die Inuit erst durch die Ausländer kennengelernt. Durch uns. Und auch bei uns beschwört er massenhaft Probleme herauf. Nur, auch an dieser Stelle, haben wir die Folgen sehr viel besser versteckt.

Und natürlich trinken hier nicht nur die Inuit Alkohol. Im örtlichen Klub trifft sich Alles und Jeder, der ein Bier sucht. Nun, ich tue es nicht. Ich trinke keinen Alkohol. Ich werde nur nett angemacht. Weil es für Jeden natürlich etwas ganz Eigenartiges ist, das eine schöne Frau so allein hier ist und dann noch so lange. So ganz ohne Mann. Komisch. Wer weiß, was über mich schon so für Gerüchteküchen kochen.

 

Ich glaube, ohne ganz in sich selbst zu Hause zu sein und mit sich selbst klar zu kommen, ist man an diesem Ort auf längere Sicht verloren. Hier kann ich testen, ob ich wirklich in Balance mit mir bin. Im Augenblick fühlt es sich so an. Ich bin glücklich. Richtig glücklich. Unfassbar glücklich, wenn ich mir all diese offenen Fragen und Widersprüche um mich herum so anschaue. Aber irgendwie habe ich das Gefühl einfach am richtigen Ort zu sein. Wenn ich dort am Fjord sitze und auf die Berge schaue, im See schwimmen gehe oder die Füße in den rauschenden Bach halte, dann bin ich so eins mit der Welt um mich herum, das in mir alles strahlt. Wenn ich die Menschen anlächele und dieses wundervolle Lächeln zurückkommt, dann spüre ich die Seele, die in uns allen leuchtet und ich weiß, dass es einen Weg gibt, sie wieder wirklich sichtbar zu machen. Dafür bin ich hier. Was ich fühle, unter all’ den Widersprüchen, ist ein Diamant, der funkelt und mich tief, tief, tief berührt. Ein Diamant, der mich daran erinnert, wie sie gedacht ist, unsere Welt.

 

Der Weg dahin, der ist mehr als eine bloße Abenteuerreise. Es ist ein Drahtseilakt. Und ich komme nur mit Offenheit, Vorurteilsfreiheit (die mir, zugeben, in Bezug auf meine eigene Kultur und ihre Einflüsse bzw. die der Dänen nicht leicht fällt) und Zuhören weiter. Doch auch da lerne ich zu unterscheiden. Ich baue meine eigenen kleinen Brücken in dieser Welt voller Grenzen und Mauern. Ich lerne nicht nur die Inuit sondern auch die Dänen ins Herz zu schließen. Es gibt wunderbare Menschen unter ihnen. Wie überall. Menschen, die sich Gedanken machen, so wie ich. Die etwas anders machen wollen. Die Lösungen suchen und sich selbst gegenüber sehr kritisch sind. Und es gibt solche, denen ich lieber aus dem Weg gehe, ebenfalls, wie überall. Menschen, die laut polternd ihr Welt und Meinung vertreten und dabei alles plattwalzen, was ihnen in den Weg kommt.

 

Was es in Tasiilaq so viel krasser und schwieriger macht, als vielleicht anderswo auf der Welt, ist dieser extreme Unterschied zwischen dem Denken und Handeln in den Kulturen. Inuit und wir – betrachten und er erfahren das Leben vollkommen verschieden. Das sind Blickwinkel, die sich gegenseitig unglaublich bereichern könnten.

 

Wo sonst gibt es eine Kultur, die keine Worte für Zukunft und Planen hat und im Jetzt lebt? Wo sonst gibt es eine Sprache, in der Ausdrücke für das Fühlen fehlen? Wo sonst werden traditionell Konflikte nicht mit Krieg gelöst? Da sind so unendlich viele Schätze. Genauso, wie in unserer Kultur.

 

Ich gehe weiter hier auf Spurensuche. Ich werde weiter lauschen mit meinem weit offenen Herzen und ich hoffe, ich kann Brücken bauen. Wir brauchen diese Brücken überall. Corona zeigt uns die Gräben zwischen uns so deutlich. Mit all diesen verschiedenen Meinungen, die sich gegenseitig mehr und mehr an die Gurgel gehen. Dieser Weg führt uns nirgendwohin. Wir sitzen alle in einem Boot. Ob in Tasiilaq oder in der Welt. Und wenn wir es nicht schaffen, gemeinsam zu rudern, dann führt unsere Reise an den Fuß des großen Wasserfalls. In Einzelteilen.

 

 

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