Erste Eindrücke

Auf dem Weg in ein neues Leben

Noch bin ich nicht in Tasiilaq. Dorthin fliege ich erst heute. Nachdem ich schon zehn Tage in Grönland verbracht habe. Im Westen. In und um Kangerlussuaq und seit gestern in Nuuk. Es war gut, dass ich mir diese Zeit zum langsamen Ankommen und Hineinfinden genommen habe. Jetzt bin ich bereit, für den eigentlichen Schritt, so fühlt es sich an...

 

Kangerlussuaq ist die Heimat von Angaangaq, dem Schamanen, mit dem ich gehe, im Tuukkaq-Kreis. Dort sind die Orte, an denen er aufgewachsen ist. Im Sommercamp, am Sacred Place, unweit des Russell-Glaciers, auf halbem Weg zum Inlandeis. Dort sind die heiligen Orte seines Volkes. Auf dem Qaqqarsuaq, dem höchsten Berg im langen Fjord. 

 

An beiden Plätzen habe ich mein Zelt aufgeschlagen. In beide Orte habe ich mich tief eingefühlt. Denn dort ist für mich die Seele dieses wunderbaren Volkes ganz spürbar. Von dort stammen auch die Fotos. Fotos, die ein Land zeigen, dass ich zutiefst liebe. Eine Landschaft, in der meine eigene Seele zu Hause ist. Eine Welt, mit dem ich mich verbunden habe, schon seit ich zum ersten Mal hier bin. 

 

Doch es sind eine Welt und eine Seele, es sind ein Land und es sind die Menschen, die ich vergewaltigt erlebe. Jetzt. Hier. Heute. In diesem Grönland vor meinen Augen. 

 

Ich fühle die Dänen und die Amerikaner, die wie eine Flutwelle von außen hereingebrochen sind und niemanden gefragt haben, ob sie wirklich willkommen wären. Ich sehe die Vergewaltigung in jedem Stück Müll, dass jetzt auf dem Land liegt. Ich sehe sie in der Trostlosigkeit und Ödnis der Barackenansammlungen in Kangerlussuaq. Alles hier ist wirtschaftlichem Interesse untergeordnet. Ob das nun der Flughafen selbst ist, das Arctic Command der Amerikaner, die Reiseunternehmen oder die Hotels. Alle leben von den täglich bis zu 15-20 Flügen, die hier landen und starten. Aus Kopenhagen und in die Orte an Grönlands Westküste. Das hier ist der Umschlagplatz schlechthin, im Augenblick. 

 

Praktisch jeder hat auf irgendeine Art etwas mit dem Flughafen zu tun. Jeder Inuit hier arbeitet in irgendeiner Weise dafür. Jeder Däne hat sich damit eingerichtet. Jeder Amerikaner ist mit dem Arctic Command hier. Etwas anderes existiert nicht. Das macht den Ort unglaublich künstlich und vorübergehend. Denn wenn die Flughäfen in Nuuk und Ilulisat ausgebaut werden, so wie es wohl geplant ist, dann wird aus dem regen Zentrum des Geschehens ein Nebenschauplatz. Und dann werden die meisten Leute gehen.

 

Ich stelle mir vor, wie es für die Menschen, wie Angaangaq's Familie war, als diese Ausländer hier eingefallen sind. Es war ein Einfallen, anders lässt sich das kaum beschreiben. Die Amerikaner, die in Absprache mit den Dänen hier den Flughafen bauten. Ruck zuck. Die Dänen, die ihn mit nutzten. 

Wer hat die Einwohner gefragt? Wer hat die gefragt, die hier leben? Niemand. Absolut niemand. Es hat sich auch niemand jemals für die Aneignung eines kompletten Landes entschuldigt. Niemand hat die Geschichte aufgearbeitet. Die Dänen haben sich selbst nie im Spiegel ihrer eigenen Handlungen angeschaut. Ja, ich weiß, die skandinavischen Völker sind sowieso nicht so gut mit Vergangenheitsbewältigung. Besonders, wenn es um eigene Großmacht- oder Herrschaftsgelüste geht. Und ich weiß auch, dass besonders die Dänen überall im Norden eine heftige Geschichte hinter sich herziehen. Sie haben überall dasselbe gemacht. Handelsstationen aufgebaut, den Einwohnern verboten, außerhalb von diesen mit ihren Produkten zu handeln und sich so das gesamte Geld in die eigenen Taschen gewirtschaftet. Sie haben die Preise und sie haben die Konditionen bestimmt und die Menschen so komplett von sich abhängig gemacht. Ob in Island oder in Grönland. Die Geschichten gleichen sich auf's Haar. 

 

Ja, diese Ausländer kamen als Herren. Sie haben alles an sich gerissen, was einen Wert hatte. Sie haben über Land verfügt, dass ihnen nie gehört hat. Sie haben sich genommen, weil sie glaubten, das Recht dafür zu haben. Doch niemand, außer ihnen selbst hat ihnen dieses Recht gegeben. Rein menschlich sind sie nichts weiter als Invasoren. Typische Kolonialherren. Und sie agieren auch so. Und zwar bis heute. Ohne es wirklich zu merken. 

 

Dafür merke ich es. In den vielen, vielen Kleinigkeiten, über die Andere hinwegsehen. Da ist zum Beispiel diese dänische Busfahrerin, die mit barscher, herrischer Stimme darüber verfügt, das die zahlenden Gäste (die Ausländer) immer zuerst in den Bus einsteigen dürfen und die Inuit gefälligst zu warten hätten, denn die zahlen nichts. Ob sie nun zuerst da waren oder nicht, spielt keine Rolle. Erst die Ausländer. Punkt. Das ist ihre Regel und sie bestimmt hier. In dem Ton, in der Energie schleudert sie mir die Worte entgegen. Die Inuit wissen das schon. Als ich sie mit ihrem Verhalten konfrontiere und ihr meinen Schock erkläre, stoße ich nicht nur auf Ablehnung sondern auf komplettes Unverständnis. Darüber hat sich noch niemand mokiert. Das ist normal hier... Mehr will sie sowieso nicht an sich heranlassen. Das sie damit Menschen in zwei Klassen einteilt und die Inuit zu denen zweiter Klasse stempelt, ist ihr überhaupt nicht klar. 

 

Doch diese Zwei-Klassen-Welt zieht sich durch Grönland. Ich erlebe sie auch hier in Nuuk. Die Grönländer erinnern mich unglaublich an Ostdeutschland. An ein Land und seine Menschen, dass versucht, in rasendem Tempo, die Lebensart von Fremden zu kopieren, um irgendeinen Status zu erlangen. Nur, sie werden immer hinterherhinken, wenn sie nur kopieren. So, wie wir es in Ostdeutschland immer tun werden, wenn wir nicht unsere eigene Stimme und unser eigenes Selbstbewußtsein finden. 

 

Genau dieser Prozess, der läuft hier. Mit vielen, die es äußerlich scheinbar geschafft haben. Die sich angebiedert, eingegliedert und einen Platz gefunden zu haben scheinen. Mit schicken Häusern, Geld für den Konsum und den kleinen Freiräumen in der Natur, zum Jagen gehen. Mit ihrer eigenen Sprache, aber einem Job für die "modernde, fremde" Welt. Doch da sind auch die vielen, vielen Verlierer. Die Leute, die vor Spielautomaten hocken, die im Alkohol ertrinken, die betteln oder versuchen, ihre wenigen Habseligkeiten auf der Straße zu verkaufen. 

 

Die Dänen, die hier leben und arbeiten sind immer in der besseren Position. Immer. Sie haben die Rollen, in denen Entscheidungen getroffen werden. Sie gehen in die schicken Läden einkaufen, mit einem Angebot, das vor allem ihren Bedürfnissen entspricht. Der Supermarkt ist voll von dänischen Produkten. Knallvoll. Sie gehen in die schicken Restaurants, die den Gourmet-Thailänder. Da sind sie fast unter sich, abgesehen von einigen wenigen Inuit, die das Geld dazu haben, auch hier zu sein. 

 

Es tut weh, das zu sehen. Mir tut es weh. Mit Sicherheit, weil es meiner eigenen Geschichte so sehr entspricht. Weil ich es deswegen so genau nachfühlen kann. 

 

Natürlich würden sie dagegen halten, wieviel Geld sie mittlerweile hier hineinpumpen. Diese Vielzahl von Subventionen, Sozialleistungen, Aufbauarbeit. Schön. Aber es lässt die Tatsache komplett außer Acht, dass sie niemand darum gebeten hat. Von Anfang an nicht. Es lässt auch die Tatsache außer Acht, dass hier immer noch Geld verdient wird. Nach den gleichen Regeln, wie vorher auch. Ich kenne die genauen Zahlen nicht. Ich gehe nach meinem Bauchgefühl. Und das sagt mir, dass Grönland für Dänemark immer noch von großem Wert ist. Geopolitische zum Beispiel. 

 

Nein, so einfach lässt sich nicht entschuldigen, was hier geschehen ist und weiter tagtäglich geschieht. So einfach lasse ich sie nicht davonkommen. Für einen echten Wandel - und das gilt weltweit, weil diese Situation hier überall geschehen ist und täglich geschieht - braucht es ein echte Zugeben der Realität. Von allen Seiten. Es braucht ein genaues Hinschauen. Es braucht den Blick in den Spiegel. Ungeschminkt, ungeschönt, ehrlich, direkt. Es braucht die Konfrontation mit der eigenen Vergangenheit, mit den eigenen Taten und mit der eigenen Saat. Das haben weder die Dänen noch die Amerikaner jemals getan. Und die Inuit sind nicht das Volk, das sie dazu zwingen würde. Sie waren es zumindest bisher nicht. Es braucht auch eine ehrliche, tiefe und ernst gemeinte Entschuldigung und Wiedergutmachung, die wirklich auf Augenhöhe und miteinander geschieht. Auch davon sehe ich im Moment nichts. 

Doch nur so kann ein Heilungsprozess wirklich in Gang kommen. Bis dahin bleibt es beim Herumdoktern an einer schwärenden Wunde. Beim Überpinseln mit Goldlack, obwohl alles schreit, das darunter wabernder Eiter wartet. 

 

Den Eiter sehe ich hier in Nuuk. Es ist die depressivste Stadt, die mir jemals begegnet ist. Voller Hochhäuser, Einkaufszentren und Wohnsilos. Es ist die Stadt, in der ich eine kranke Welt widergespiegelt sehe. Eine Welt wie kondensiert auf kleinstem Raum. 

 

Wenn wir uns selbst erfahren wollen, mit all' dem, was auf unserer Erde nicht richtig läuft, dann brauchen wir nur einen Blick hierher werfen. Hier wird es deutlich, was sonst vielleicht im Überfluss der Eindrücke verloren geht oder hinter Vielfalt ein Versteck findet. Hier ist es ungeschminkt, nackt, erschreckend und extrem. 

 

Wenn man hinschauen will. Und genau das tue ich. Und ich werde es weiterhin tun. Ich bin hier, um zu reden. Ich bin hier, um zu schreiben. Und ich bin hier, um es anders zu machen. Wir werden sehen, wie ich mir dabei einen Weg bahne. Denn in Ostgrönland ist es noch krasser.....

 

 

 

 

© page4 - Bildarchiv

Timmijaaraq


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Die, die

überall hinfliegt.


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Der kleine Vogel.


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Unterwegs zwischen 

Himmel und Erde.


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Er setzt sich

sacht....


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.... auf dein Herz.


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Um zu singen

und zu zwitschern.


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Er singt ein Lied

vom Himmel. 


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Er singt

von einer Welt

ohne Grenzen.


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Er singt ein Lied

von der Schönheit

deiner Seele.


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