Feindbilder und Gräben

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Der Riß beginnt sich quer durch meine Freundschaften zu ziehen. Die Bewertungen und Verurteilungen greifen um sich und werden immer rigoroser, unversöhnlicher und heftiger. Eine normale Unterhaltung, ein friedlicher, gleichberechtigter Austausch verschiedener Ideen und Ansichten und das Vertreten einer eigenen Meinung werden zunehmend unmöglich. In den Medien wird unisono auf die sogenannten Verschwörungstheoretiker eingeschlagen. Subtil und mit dem Holzhammer. Und die Leser und Hörer, schlagen mit. 

 

Dabei werden beide Seiten extremer. Die Einen, weil sie nicht gehört werden. Die Anderen, weil sie nichts hören wollen. Die Einen, weil ihre Stimme verunglimpft, abgeurteilt und als Blödsinn verhöhnt wird; die Anderen, weil jede andere Idee ihr Weltbild zum Einsturz bringen könnte. Die Einen werden in die Sparte psychologische Paranoia gesteckt, die Anderen in die Sparte der Blindfüchse. Jeder Vertreter der beiden Seiten glaubt, die Wahrheit allein zu kennen und der Andere wäre dumm. Die Argumente werden zunehmend diffamierender und machen weniger und weniger vor Bewertungen halt, die noch vor Kurzem als absolut unmöglich galten. 

 

So, wie es für mich aussieht, kämpfen beide Seiten um ihr Leben, buchstäblich. Und schaffen damit einen Graben zwischeneinander, der jeden Tag tiefer wird. Bis ein Miteinander nicht mehr möglich ist. 

 

Ist das die Richtung, in die wir gehen wollen? Wollen wir in eine Welt der Trennung? Eine Welt der scharfen Grenzen? Eine Welt, in der wir Menschen, Nachbarn und Freunde nach ihrer Meinung beurteilen und uns mit einem Ringwall aus "Gleichsprechern und Denkern" umgeben? Wollen wir nur noch Gruppen, in denen wir uns gegenseitig Beifall klatschen und unsere unumstößlichen Wahrheiten untermauern ohne über den Gartenzaun zu schauen? Wollen wir eine Welt voller Feindbilder? Einen fein abgegrenzten Flickenteppich aus Wir (Guten) und die da (die Schlechten)? Wollen wir eine Welt, in der wir irgendwann (und das irgendwann ist sehr nah und teilweise schon Realität) wutenbrannt aufeinander einhauen, wenn wir nur einen Mucks anders sind, als der Gegenüber?

 

Ich möchte diese Welt nicht. Aber ich sehe uns mit Volldampf darauf zu steuern. Zunehmend unfähig aus dem Zug auszusteigen, den wir selbst auf den Schienen halten. Ich erlebe es in Unterhaltungen, in sehe es in Facebook-Meldungen von Freunden, ich lese es in Medien - wir vergiften unser Miteinander. 

 

Doch unser Leben ist kein Tunnel ohne Abzweigmöglichkeit. Es ist keine Einbahnstraße ohne Kreuzungen. Wir sind diejenigen, die gestalten, was ist. Niemand anders. Wenn uns die Welt, die da jetzt entsteht, Bauchschmerzen macht, dann ist es an uns, das zu ändern. Nicht irgendwann und irgendwo. Sondern jetzt und hier. Es ist an uns, aufeinander zuzugehen. Uns zuzuhören. Die Hände zu reichen. Uns in unserer Andersartigkeit zu akzeptieren. Uns gegenseitig die Freiheit zuzugestehen, selbst zu entscheiden, was richtig für uns ist. Ohne Angst voreinander. 

 

Nichts davon geschieht im Augenblick. Nichts.

 

Wir sind keine Feinde. Wir sollten uns auch nicht zu Feinden machen lassen. Egal durch wen und wie. Wir sollten unser eigenständiges Denken nicht abgeben und zum Sprachrohr von jemand Anderem werden. Als wären wir nur ein Wiederkäuer fremder Gedanken, unabhängig davon, in welche Richtung sie gehen. Jetzt ist der Moment da, an dem wir uns selbst eine Meinung bilden müssen. Jetzt sollten wir die anderen Ansichten anschauen. Mit offenem Herzen und bereit, die eigene Ansicht zu revidieren und zu verändern. So funktioniert Meinungsbildung. Wenn wir mit einer anderen Ansicht ein Problem bekommen, dann ist es keine Lösung auf die andere Ansicht einzuhämmern und ihre Vertreter zu verunglimpfen. Die Lösung heißt, zu schauen, warum wir damit ein Problem haben und das ebenfalls auszudrücken. So werden Brücken gebaut. Zueinander. So werden wir Brückenbauer statt Mauerbauer.

 

Wir sind Menschen mit unterschiedlichen Ansichten. Nicht mehr und nicht weniger. Alle diese Ansichten haben den gleichen Wert. Alle drücken die Buntheit der Welt aus. Sie sind eine Bereicherung. Eine Ansicht auszugrenzen, heißt, uns selbst ein Stück der Ganzheit zu nehmen. Eine Ansicht zur einzig Richtigen zu machen, heißt, alle Anderen für ungültig zu erklären. Was tun diese Anderen dann? Was sollten sie tun? Was würdest du tun, wenn du zu diesen Anderen gehörst? Die eigene Ansicht verleugnen? Oder beginnst du dich zu verteidigen?

 

Eine Ansicht zur Bedrohung der Allgemeinheit zu machen, schafft Feindbilder und ist die Grundlage jedes Krieges, den wir je auf dieser Erde geführt haben. Das sollte uns bewußt sein. Sehr bewußt. 

 

Wenn dann noch eine Ansicht so sehr zur allgemeingültigen, unabänderlichen und einzig gültigen Wahrheit gemacht wird, der sich Alle in ihrem Handeln unterordnen müssen (und zwar unter Androhung von Strafe), dann sind wir in einer Diktatur. Nirgendwo anders. 

 

Ich finde, da waren wir schon oft genug. Ich brauche keine Wiederholung.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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