Die alten Narben

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Wir kennen alle diese Orte, an denen uns ein kalter Schauer über den Rücken läuft. Orte, die den Hals eng werden, das Herz schneller schlagen oder einen dicken Kloß im Bauch entstehen lassen. Orte, an denen wir nicht wirklich wissen, was wir eigentlich fühlen sollen. Orten, denen wir ausweichen, weil sie so düster, gespenstisch oder erstickend wirken. Orte, an denen etwas Schlimmes geschehen ist. Schlachtfelder. Hinrichtungsstätten. Konzentrationslager. Heilige Orte anderer Kulturen, die die Nachfolger mit Gewalt verändert, benutzt und ausgemerzt haben.

 

Es sind Orte, an denen wir als Menschen so waren, wie wir eigentlich gar nicht sein wollen. Orte, an denen wir Tyrannen, Diktatoren, willige Vollstrecker sadistischer Ideen, Unterdrücker oder Opfer waren. 

 

Die Geschichte ist nicht vorbei und vergessen, nur weil das Ereignis für uns in der Vergangenheit liegt. Die Energie bleibt. Die Erinnerung bleibt. Der Boden, die Luft, die ganze Erde speichert alles, was auf ihr jemals geschehen ist. So, wie unser Gehirn alles speichert, was wir in unserem Leben jemals getan haben. Nichts geht verloren. Alles wirkt. 

 

Wenn wir uns der Vergangenheit verschließen, den Orten ausweichen, dann weichen wir uns selbst aus. Dann verleugenen wir ein Stück unserer Seele. Und wir werden niemals frei sein für die Gegenwart oder gar unsere Zukunft. Es ist, als würden wir eine unsichtbare Kette mit uns tragen, die jeden Schritt behindert, alle Entscheidungen beeinflusst und ein anderer, neues, schöneres Morgen unmöglich macht. Denn wir sind zu sehr mit den Geistern von gestern beschäftigt. Wir halten daran fest und nehmen uns so den Raum für unsere eigene Weiterentwicklung. 

 

Geschichte und die Orte auf der Erde, auf denen sie stattgefunden hat, wollen gesehen werden. Sie wollen gefühlt werden. Ganz und gar. Jedes Stück, jedes Detail. Es ist der Blick in einen Spiegel. Ein Blick in unser eigenes Gesicht. Tief hinein in die schwarze, dunkle Seite unseres Wesens. 

 

Es ist ein Anerkennen, was war. Ein Umarmen, Akzeptieren und Zulassen. Es ist ein Ende des Weglaufens. Ein Ende der Angst vor uns selbst. Denn nur, was wir verdrängen und nicht sehen wollen, kann uns verfolgen. 

 

Diese Orte rufen mich. Ich folge meinem Herzen. Er weist mir den Weg zu den Plätzen, die gesehen und gefühlt werden wollen. Orte, die blutgetränkt sind. Orte die vor Schmerz schreien. Vor Mißachtung. Vor Ignoranz. Vor Achtlosigkeit. Orte, die Heilung brauchen. Aktzeptanz. Anerkennung. Orte, die wieder ihren Platz in unserem Herzen finden müssen.

 

Indem ich sie wirklich wahrnehme, ihre Geschichte an mich heranlasse, in den Schmerz eintauche und die Tränen weine, die in mir aufgestaut sind, heilt auch die Geschichte. So heilen die Orte, so heilen die Menschen, die an dieser Vergangenheit beteiligt waren. Aus der dunklen, bedrohlichen Macht kann dann ein Freund und Gefährte werden, der uns bei unseren neuen Schritten in eine andere Zukunft unterstützt. 

 

 

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